Internationaler Preis des Westfälischen Friedens in Münster verliehen

Friedensengagement bis an die Grenze der Kapazitäten

Bundespräsident Joachim Gauck hat den jordanischen König Abdullah II ibn Al Hussein in Münster für die friedensstiftende Vermittlung bei verschiedenen Konflikten in Nahost mit dem Internationalen Preis des Westfälischen Friedens ausgezeichnet. Das jordanische Staatsoberhaupt teilt sich den Preis mit jugendlichen Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, die vom Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, für ihr herausragendes Engagement gegen Rassismus und Intoleranz geehrt wurden. Die Wirtschaftliche Gesellschaft für Westfalen und Lippe (WWL) vergab den mit 100.000 Euro dotierten Preis in diesem Jahr zum zehnten Mal.

Gauck würdigte in seiner Laudatio, dass Jordanien bei früheren Krisen und derzeit in der Hilfe für syrische Flüchtlinge „bis an die Grenze seiner Kapazitäten gegangen“ sei. 656.000 syrische Flüchtlinge leben aktuell in Jordanien. Das Land habe sich verpflichtet, dafür zu sorgen, dass jedes syrische Flüchtlingskind zur Schule gehen kann. Das bedeute mehr als 230.000 zusätzliche Schüler in nur zwei Jahren.

Die aktuelle Bedrohung durch den radikalen Islamismus sei ein Konflikt, der innerhalb der islamisch geprägten Staaten ausgetragen werde. Gauck erinnerte in diesem Zusammenhang an Worte von Abdullah II (54), dass die islamischen Staaten nicht allein ihre Staatlichkeit verteidigen müssten, sondern auch den Glauben ihrer Bevölkerungsmehrheiten. Wobei in Jordanien Muslime und Christen Seite an Seite friedlich zusammen leben.

Aber auch im internationalen Kontext treffe das friedensstiftende Engagement des jordanischen Königs auf Anerkennung und Respekt. An den Preisträger gewandt sagte der Bundespräsident: „Ihr Wort hat Gewicht, nicht nur in Europa und den Vereinigten Staaten. Es findet Gehör bei Muslimen in aller Welt.“ Der Preisträger könne würdiger kaum sein. Gauck: „Wir ehren einen Staatsmann, der seinem Land mit großem Geschick den Frieden auch unter den widrigsten Bedingungen erhalten hat.“

In seinen Dankesworten hob Abdullah II die Rolle Deutschlands bei der Bewältigung der Flüchtlingsströme hervor. Mit Blick auf den internationalen Terrorismus warnte der König: „Extremisten auf allen Seiten nutzen Wissenslücken, um zu polarisieren und uns zu spalten.“ Angesichts von 1,4 Millionen syrischen Flüchtlingen in seinem Land warb er für einen regionalen Stabilitätsfonds, um die sozioökonomischen Herausforderungen zu bewältigen. Jordaniens Antwort, um die Flüchtlingskrise zu überwinden, seien bleibende, strukturelle Verbesserungen in der Infrastruktur, in der Arbeitswelt und im Handel. Zudem lud er zu nachhaltigen Investitionen in seinem Land ein.

Zweiter Preisträger ist in diesem Jahr die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Thomas Oppermann, vor fast 40 Jahren selbst Freiwilliger der Organisation bei Projekten in den USA, würdigte das jeweils zwölf- bis 15-monatige Engagement der Teilnehmer aus eigener Erfahrung. Auf dem Weg in die Politik habe ihn nichts so stark geprägt wie seine 18 Monate dauernde Zeit als Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen.

„Der Preis an die Aktion Sühnezeichen erinnert uns daran, wie aktuell ihre Mission heute ist“, wertete Oppermann die Aufgabe der 1958 gegründeten Organisation. Das gelte national wie international, so der SPD-Politiker: „Wir sehen fassungslos den Bombenkrieg in Syrien, sterbende Kinder in Aleppo, Millionen Menschen auf der Flucht. Wir sehen Demokratien in Europa und Nordamerika, die sich wieder verstärkt zur Wehr setzen müssen gegen Rechtspopulismus, Rassismus, Islamphobie und Antisemitismus.“ Die Aktion Sühnezeichen habe jedoch aktiv dagegen gewirkt. Oppermann: „Unsere Zivilgesellschaft ist heute stark, Menschen treten dem Hass und der Hetze entgegen. Das verdanken wir auch der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste.“ Die Organisation sei Vorbild für viele andere Freiwilligendienste.

Landtagspräsidentin Carina Gödecke erinnerte an die Beziehungen des Königs zu Nordrhein-Westfalen: Er habe hier seine militärische Ausbildung absolviert und nun bestehe, wiederum in Nordrhein-Westfalen, die Gelegenheit, den Ort des Westfälischen Friedens gemeinsam mit seiner Frau, Königin Rania Al Abdullah, zu besichtigen.

Dr. Reinhard Zinkann, Vorsitzender der Wirtschaftlichen Gesellschaft für Westfalen und Lippe, zog in seiner Ansprache Parallelen zwischen dem Schluss des Westfälischen Friedens 1648 und der aktuellen Entwicklung im Nahen Osten. „Statt Katholiken und Protestanten bekriegen Sunniten und Schiiten einander“, analysierte der Vorsitzende. Gemeinsamkeiten lägen auch „in der Grausamkeit der Kampfführung mit der Folge schlimmen Leidens vor allem für die Zivilbevölkerung“, sagte Zinkann. Die Anschläge von Paris und Brüssel hätten gezeigt, wie die Gewalt im Nahen Osten inzwischen bis Mitteleuropa ausstrahle.

Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe hob in seinem Grußwort hervor, dass mit den Verhandlungsmethoden, die zum Westfälischen Frieden 1648 führten, „auch neue Friedensinstrumente geschaffen wurden, die die Ordnung Europas auf eine neue Grundlage gestellt haben“. Diese Form der diplomatischen Friedensbildung solle mit allen ihren Facetten als Ermutigung verstanden werden, „dass Frieden und Ordnung in den betroffenen Regionen, insbesondere in der arabischen Welt, wiederhergestellt werden können, und um Signale des Friedens zu senden“.