„Frieden braucht die Bereitschaft, Widersprüche auszuhalten"

WWL eröffnet Programm zum Westfälischen Friedenspreis 2026 mit offenem Bürgerdialog

Münster, 26. Mai 2026. Die Friedenskapelle am Friedenspark in Münster war Schauplatz eines lebhaften, bisweilen kontroversen und am Ende versöhnlichen Abends: Rund 150 Interessierte folgten der Einladung der Wirtschaftlichen Gesellschaft für Westfalen und Lippe e.V. (WWL) zum offenen Bürgerdialog unter der Leitfrage „Was braucht Frieden heute?". Angereist waren sie aus der gesamten Region, bis hin nach Paderborn.

Die Veranstaltung markiert den Auftakt eines umfangreichen Programms im Rahmen des Internationalen Preises des Westfälischen Friedens 2026, der am 1. Oktober im Historischen Rathaus zu Münster verliehen wird: In diesem Jahr an die NATO, stellvertretend an deren Generalsekretär Mark Rutte.

In seiner Begrüßung betonte Dr. André Vielstädte, Geschäftsführer der WWL, Ziel sei es sehr unterschiedliche Perspektiven auf dem Podium zu versammeln. Unter der Moderation von Oliver Pauli diskutierten Brigadegeneralin Rejanne Eimers-van Nes (D/NL Corps), der frühere Staatsminister für Europa Michael Roth, Dr. Adelheid Ruck-Schröder, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, sowie WWL-Vorsitzender Dr. Reinhard Zinkann.

Die Stimmung des Abends war weitgehend sachlich und doch fehlte es nicht an Momenten, in denen die Unterschiedlichkeit der Positionen offen zutage trat. Besonders die Frage, ob die NATO als Trägerin eines Friedenspreises die richtige Wahl sei, sorgte auf dem Podium und im Publikum für engagierte Diskussionen.

Dr. Adelheid Ruck-Schröder nahm dabei eine klar konträre Haltung ein: „Der Preisträger passt nicht zum Preis. Frieden ist weit mehr als militärische Kraft. Die NATO schafft Sicherheit gegen Bedrohung, aber Frieden schaffen kann sie nicht." Die Auszeichnung der NATO verstehe sie gleichwohl als politisches Signal, das zum Diskurs anregen solle.

Brigadegeneralin Rejanne Eimers-van Nes, seit 1991 Soldatin und unter anderem in Bosnien und Afghanistan eingesetzt, antwortete auf die Leitfrage des Abends mit einem Appell: „Wir alle sind gefragt. Politische Systeme haben sich gewandelt. Heute brauchen wir Militär, um Sicherheit zu gewährleisten."

Michael Roth würdigte ausdrücklich den Mut der WWL: „Es ist sehr ehrenhaft, dass die WWL sich der Kritik stellt." Zugleich mahnte er zur Ehrlichkeit im Umgang mit dem deutschen Verhältnis zum Militär: „Es ist Teil der deutschen DNA, skeptisch gegenüber dem Militär zu sein. Das ist zugleich aber auch gefährlich." Und er formulierte eine der prägnantesten Thesen des Abends: „Frieden braucht die Bereitschaft, Widersprüche auszuhalten. Unterlassene Hilfeleistung tötet auch. Die NATO stellt eine der Voraussetzungen für Frieden dar."

Dr. Reinhard Zinkann erläuterte die Haltung der WWL: „Wir wollen mit dem Preis sichtbar machen, dass sich Engagement für den Frieden lohnt. Frieden beginnt mit einer klaren Haltung und Frieden braucht Stärke." Die NATO habe seit 80 Jahren zu Stabilität, Sicherheit und Freiheit geführt. „Bündnisse verbinden Macht mit Regeln und sind Architekturen der Freiheit. Wir müssen zu Bündnissen stehen." Dr. Zinkann nutzte seine Schlussworte auch, um auf den Jugendpreisträger aufmerksam zu machen: die Organisation socioMovens – Giving Europe a Soul. „Es ist schade, dass viel zu wenig über den diesjährigen Jugendpreisträger gesprochen wird. Der ist schließlich von mindestens genauso großer Bedeutung."

Am Ende des Abends zog Dr. Ruck-Schröder, gefragt nach ihrem persönlichen Fazit, ein Resümee, das die Haltung des gesamten Abends auf den Punkt brachte: „Widersprüche aushalten, im Gespräch bleiben, mit offenem Visier seine Meinung vertreten. Das haben wir heute Abend der WWL zu verdanken."